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Es geht um mehr als Tore und Punkte Sport ist auch eine Schule des Lebens

Sportmediziner und Knappschaftsexperte Dr. Markus Bruckhaus-Walter.

Sportmediziner und Knappschaftsexperte Dr. Markus Bruckhaus-Walter.

Knappschaftsexperte: Bewegung und Vereine sind extrem wichtig 

Seit Anfang November verharrt der Amateursport im Ausnahmezustand. Sporthallen, Fußballplätze, Fitnessstudios und andere Trainingsstätten sind durch den Lockdown verwaist. Über die Auswirkungen und was man dagegen tun kann, spricht der Experte der KNAPPSCHAFT, Sportmediziner Dr. Markus Bruckhaus-Walter. 

Kontaktbeschränkungen sollen das unkontrollierte Ausbreiten der Corona-Pandemie verhindern. In der Folge liegt der Breitensport auf Eis. Dabei ist Bewegung im Kampf gegen Volkskrankheiten wie Herz-Kreislauf, Adipositas oder Diabetes elementar wichtig, mahnen Ärzte und Krankenkassen wie die KNAPPSCHAFT. Gibt es Alarmzeichen?  
 
Markus Bruckhaus-Walter: Die Folgen zunehmenden Bewegungsmangels beobachten wir seit längerem mit Sorge. Immer häufiger wird Diabetes bereits im Kindesalter diagnostiziert. Der jüngst vorgelegte „Deutsche Kinder- und Jugendsportbericht“ unterstreicht das.  Danach bewegen sich 80 Prozent der Jungen und sogar 88 Prozent der Mädchen weniger als die von der WHO empfohlenen 45 Minuten pro Tag. Und nun kommt Corona obendrauf: Umfragen zufolge haben über alle Altersklassen zuletzt 28 Prozent der Deutschen vollständig bzw. weitestgehend auf Sport und Bewegung verzichtet. 

Die Verfasser der Studie legen den Finger in die Wunde und leiten Handlungsempfehlungen für Politik, Sportverbände, Vereine und Schulen ab. Wo liegen die Probleme? 

Markus Bruckhaus-Walter: Schon in Kitas wird zu wenig Wert auf Bewegungsanreize gelegt – bis zur Ganztagsbetreuung – dabei ist die Zeit bis zum 10. Lebensjahr entscheidend. Und an Schulen fällt der Sportunterricht oft aus. Bei zwei Drittel aller Kinder zwischen 5 und 10 Jahren ist die Motorik unzureichend ausgeprägt, viele haben  Probleme mit dem Gleichgewichtssinn. Immer weniger Kinder können Schwimmen. Hier wird das aktuelle Dilemma besonders deutlich. Der Trend verschärft sich, weil in Corona-Zeiten der  Schwimmunterricht fast komplett abgesagt wurde. 
 
Dazu stecken nun auch die Vereine in Not.  90000 Amateur-Vereinen in Deutschland, darunter  7600 in Hessen, trifft der Lockdown schwer. Mitglieder springen ab oder bleiben aus, Bestand und Zukunft des Vereinslebens geraten in Gefahr. 

Bruckhaus-Walter: Auch hier ist die schwierige Entwicklung schon länger im Gang. In  zehn Jahren ist jede fünfte Nachwuchsmannschaft weggebrochen. Während immerhin noch zwei Drittel der Kinder aus der Mittel- und Oberschicht Mitglied in einem Sportverein sind, ist es in den sozial schwachen Kreisen nicht einmal mehr jedes Vierte Kind. Dabei ist regelmäßiger Sport so wichtig, weil er sich positiv auf Sprachentwicklung und schulische Fähigkeiten auswirkt und darüber hinaus das Selbstbewusstsein stärkt. Sport leistet einen zentralen Beitrag zur psychischen und psychosozialen Gesundheit.   

Der DFB hat jüngst die herausragende Bedeutung ehrenamtlichen Engagements im Vereinsfußball herausgestrichen. Eine Studie der UEFA berechnet die ökonomische Wertschöpfung des Amateurfußballs in Deutschland mit rund 14 Milliarden Euro im Jahr. Auf 5,6 Milliarden Euro werden die gesundheitlichen Effekte beziffert. Mit 2,6 Milliarden Euro werden positive Sozialeffekte angeführt. Ein Argument: Mitglieder in Sportvereinen würden seltener kriminell.  

Bruckhaus-Walter: Nicht nur beim Fußball geht es um mehr als Punkte und Tore. Beim   Mannschaftssport stehen neben dem Wettbewerb auch Teamfähigkeit und Fairplay im Mittelpunkt. Sport ist wie Schule des Lebens. Er fördert  Anstrengungsbereitschaft und Zielorientierung. Sportler lernen besser, Enttäuschungen wegzustecken und unter Druck Leistung zu bringen. 

Lässt  sich der Lockdown in den Ligen durch Individualsport kompensieren? 

Bruckhaus-Walter: Generell ist Bewegung an der frischen Luft gut. Das gilt vor allem für die Wintermonate, in denen wir uns ohnehin viel drinnen aufhalten. Sport aktiviert die Abwehrkräfte und das Immunsystem. Wer sich tagsüber im Freien aufhält, tankt Vitamin D und wappnet sich zum Beispiel gegen Erkältungs- und Grippeviren. 

Ein gesunder Geist steckt in einem gesunden Körper, heißt ein lateinisches Sprichwort.

Bruckhaus-Walter: Schon zehn Minuten täglich Spazierengehen reduziert das Risiko von Erkrankungen an Herz-Kreislauf oder Diabetes um 20 Prozent. Wer eine Stunde unterwegs ist, verbraucht 200 bis 300 Kalorien, etwa ein Drittel von dem, was beim Joggen in der gleichen Zeit verbrannt wird. Und wer sich fit fühlt, absolviert idealerweise ein paar Passagen mit intensivem Walking.

Wie motiviere ich mich in dieser Zeit am besten?  

Markus Bruckhaus-Walter: Sport am Morgen erleichtert den Alltag, gerade jetzt. Er hilft,  schneller wach zu werden, fördert die Konzentrationsfähigkeit, erhöht die Leistungsbereitschaft  und hebt die Stimmungslage. 

Was gilt es bei Kälte zu beachten?  

Bei Kälte sollte man seinem Körper keine Höchstleistungen abverlangen. Auch für Durchtrainierte reicht es oft schon,  zwanzig bis vierzig Minuten locker zu Laufen. Wärmen Sie sich auf, um keine Zerrung zu riskieren und starten sie langsam. Wenn kalte Luft die Atemwege zu reizen droht, empfiehlt sich das Einatmen durch die Nase. So wird die Luft angefeuchtet und angewärmt. Auch ein Schal oder Tücher vor Mund und Nase können hilfreich sein. Mütze und Handschuhe verhindern, dass der Körper schneller über Kopf und Hände auskühlt. 

Gibt es Risikogruppen und Gefahren? 

Bruckhaus-Walter: Völlig untrainierten und älteren Menschen würde ich Sport im Freien bei Temperaturen unter null Grad nicht empfehlen. Auch sollte man bei Minusgraden auf intensive Intervallmethoden verzichten. Wer unter hohem Blutdruck und Herzkreislaufproblemen leidet, unterzieht sich besser einer Sportmedizinischen Untersuchung, bevor er sein Pensum bestimmt.