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Endspurt für Laktatjunkies und Mentalitätsmonster

Knappschaftsexperte Markus Bruckhaus-Walter über Leistungsbereitschaft und Regenerationsphasen im Fußball

Sportmediziner Dr. Markus Bruckhaus-Walter über Laktatjunkies und Mentalitätsmonster.

Endspurt und Weihnachtspause liegen dicht beieinander. Dem sportlichen Finish im Kalenderjahr 2019 folgen die Feiertage und eine kurze Regenerationsphase. Bis dahin „werden wir noch mal alles raushauen“, wie es nahezu alle Bundesligaspieler in den Interviews versprechen. Was dahinter steckt, erläutert Sportmediziner und Knappschaftsexperte Dr. Markus Bruckhaus-Walter.  

David Wagner hat es kürzlich etwas fachmännischer formuliert und die Fußballbranche um einen schönen Begriff bereichert. „Laktat-Junkies“ nannte Schalkes Trainer seine Kicker, die im Spiel offenbar über die Schmerzgrenze hinaus Laufbereitschaft und Einsatz an den Tag gelegt hatten.

Manch moderner Sportwissenschaftler adelt das Laktat zwischenzeitlich als wichtigsten Energiebrennstoff im Körper. Denn die lange unterschätzten kleinen Salzmoleküle im Stoffwechselprozess entfalten offenbar gerade dann große Wirkung, wenn die Energieversorgung der Muskulatur über die normale Atmung  nur noch unzureichend zu gewährleisten ist und der Glukoselevel unter  mangelnder Sauerstoffzufuhr versiegt. Je höher die Belastung, desto mehr anderer Quellen bedarf es, um an Energie zu gelangen. Laktat in der Milchsäure wird zum Auftankventil für die Muskulatur. „Hohe Laktatspiegel können einen ähnlichen Effekt wie ein Höhentraining bewirken“, betont Sportmediziner Bruckhaus-Walter.

Neue Trainingslehren

Dabei war die Forschung  lange Zeit  davon ausgegangen, erhöhte Laktatwerte im Milchsäurespiegel  seien ein Hinweis, dass die Belastungsintensität nicht mehr lange aufrecht gehalten werden könne und der Leistungsabfall programmiert sei. Neue Erkenntnisse und Interpretationen weisen Laktat derweil als bedeutenden Baustein im Stoffwechselprozess aus.

Entsprechend haben sich auch die Koordinaten der Trainingssteuerung verschoben. Der Laktattest im Fußball ist kein geeignetes Kontrollinstrument, um sich an die Marke heranzutasten, wann der Stoffwechselprozess umkippt. Eine definierbare Schwelle ist kaum zu ermitteln. Eher lässt sich mittels Laktat- und Herzfrequenzmessungen über einen längeren Zeitraum gezielt an individuellen Stärken und Schwächen eines Spielers  feilen. Für den breiten Amateurbereich ist diese aufwendige  Laktatdiagnostik allerdings teuer. Dr. Bruckhaus-Walter: „Ein angemessenes Kosten-Nutzen-Verhältnis besteht frühestens ab der 5. Liga.“

Mentalität schlägt Qualität

Zurück zu David Wagner. Den Spielern sei das Laktat förmlich aus den Augen getropft, hatte dieser gesagt. Und sein Lehrer Jürgen Klopp schwärmt gerne von „Mentalitätsmonstern“. Idealerweise kennen solche Akteure weder Motivationsgrenzen noch Schmerzempfinden, um pausen- und problemlos in die Räume vorzustoßen, wo es wehtut, wie es oft formuliert wird.

Mentalität schlägt Qualität, beweisen viele Fußballspiele, bei denen  das vermeintlich schwächere Team obsiegt. „Form schlägt Klasse“, motivierte Rudi Assauer einst die Schalker Eurofighter. „Kondition stärkt Konzentration“, lässt sich ergänzend hinzufügen. Statistisch werden immer mehr Spiele durch Treffer in den letzten Minuten entschieden, notiert Sportmediziner Bruckhaus-Walter. 

Wichtige Regenerationsphase

Bis 24 Stunden vor  Heiligabend sind die letzten Bundesligaspieler diesmal im Einsatz. Dann folgt quasi über Nacht die kurze aber wichtige Regenerationsphase.  

Zwei Wochen Trainingspause sind auch aus medizinischer Sicht durchaus ratsam.  

Muskeln, Sehnen und Bänder benötigen Pausen, um sich vor kleinsten Verletzungen und Überbelastungen zu schützen. So lässt sich das Verletzungsrisiko zurückfahren.

Idealerweise gibt es im Jahr drei oder vier solcher Belastungspausen, was jedoch mit der intensiven Wettkampfpraxis nur selten zu vereinbaren ist, weiß Bruckhaus-Walter. 

Die Sorge vor schnellem Muskelabbau und Kraftverlust während einer kurzen Spanne der Erholung ist unbegründet, sagt der Knappschaftsexperte. Zu lange sollte die sportfreie Phase allerdings auch im ambitionierteren Amateurbereich nicht ausfallen.

Nach kurzer Pause helfen Ausdauerläufe, Krafttraining sowie Gymnastik, fit und beweglich zu bleiben. Der Körper erholt sich solange weiter, bis die Wettkampfbelastung wieder einsetzt.