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Wald sei Dank – die Münze bleibt im Portemonnaie

Wie ein einfacher Gedanke im Fußball einen großen Schritt bedeutete

flw24 Kolumnist Claus Coester

Karl Wald Erfinder des Elfmeterschießens

Was haben Mary Anderson und Karl Wald gemeinsam? Beide sind die Erfinder von zwei heute unverzichtbaren Dingen. Die Bastlerin aus Alabama wäre am 17. Februar dieses Jahres 150 Jahre alt geworden, der in Frankfurt am Main zur Welt gekommene Wald hätte am gleichen Tag ein Jahrhundert vollendet.

Einfache Ideen mit großer Wirkung

Ohne Mary Andersons‘ scheinbar simple Idee würden die Autofahrer rund um den Globus ganz schön im Regen stehen oder besser gesagt sitzen, zumindest wenn es gießt. Die clevere Frau erfand nämlich 1903 den Scheibenwischer und ließ sich diesen patentieren.

Der einfallsreiche Karl Wald stand der Amerikanerin um nichts nach, als er rund sieben Jahrzehnte später eine Einrichtung erfand, die auch in der weiten Fußballwelt nicht mehr wegzudenken ist. 1970 schlug der vor der Einführung der Bundesliga in der Oberliga Süd pfeifende Unparteiische dem bayerischen Fußballverband die Einführung des Elfmeterschießens vor. Ein Patent brauchte er für diesen grandiosen Einfall nicht anzumelden. Schnell begann der Vorschlag seinen Siegeszug durch die deutschen Fußballinstanzen. Für die endgültige Akzeptanz und Installierung bei den Herren der Weltfußballregierung bedurfte es immerhin noch 47 Kommissionssitzungen und Sondersitzungen. Dann war das Verfahren, das in der offiziellen Diktion der FIFA „Schüsse von der Strafstoßmarke zur Siegerermittlung“ heißt, fest etabliert. 

Elfmeterschießen übersteht Zwischentief

Zwischen 1996 und 2003 sollte Walds Erfindung allerdings noch einmal ins Wanken geraten. Die UEFA setzte bei der Europameisterschaft im Mutterland des Fußballs die schon mehr als 20 Jahre erprobte Entscheidungsfindung außer Kraft. Vorübergehend ersetzte das „Golden Goal“ die liebgewonnene Dramaturgie nach 120 Minuten ohne Entscheidung. Davon profitierten wir Deutsche immerhin, als Oliver Bierhoff den Siegtreffer gegen Tschechien im Wembley Stadion erzielte und das DFB-Team zum Europameister machte. Vier Jahre später bescherte im Finale von Rotterdam David Trezeguet der Equipe Tricolore den europäischen Titel und zugleich den Italienern den „Sudden Death“. Als vorerst finale Torschützin trug sich im WM-Endspiel von Carson (USA) Nia Künzer ein, als sie mit ihrem Kopfball zum 2:1 in der 98. Minute die Schwedinnen zu Vizeweltmeisterinnen machte. Gottlob wurde die absurde, ernüchternde, ja destruktive Regelung dann abgeschafft. 

Leckerlies, die im Gedächtnis bleiben

Eine stattliche Reihe wunderbarer, aber auch fußballtragischer Momente hat uns Karl Wald mit seiner Erfindung vermittelt. Bei den immer wieder fälligen Elfmeterschießen, bei denen Gruselmeister Alfred Hitchcock häufig Regie führte, wäre ohne seine Idee den Fußballfans manch‘ unvergesslicher Augenblick vorenthalten worden. Uli Hoeneß hätte seinen Elfer nicht in den Nachthimmel von Belgrad geschossen. Den Engländern wäre manches Elfmeterdrama gerade gegen Deutschland erspart geblieben. Bayern München wäre nicht im UEFA-Champions -League-Finale gegen den Chelsea FC nach Bastian Schweinsteigers Alu-Treffer im eigenen Wohnzimmer traumatisiert worden. Und wie schade wäre es, wenn wir den doppelten Slapstick von Xabi Alonso und Philipp Lahm vermissen müssten! Der Fußballteufel hatte im DFB-Halbfinale 2015 gegen Borussia Dortmund beide Schützen am ominösen Punkt aufs Kreuz gelegt. Das Sahnehäubchen lieferte dann Bayern Keeper Manuel Neuer, indem er die Kugel an die Latte drosch. Dortmund durfte nach Berlin fahren. 

Die Schongauer halten die Erinnerung hoch

Wir dürfen also hoffnungsfroh gespannt sein auf all die Überraschungen, die die Wundertüte „Elfmeterschießen“ für die Fußballfreunde in der Zukunft parat hält. Eigentlich müsste man Karl Wald - wo auch immer - ein Denkmal setzen. Die Stadtväter im oberbayerischen Penzberg wenigstens halten die Erinnerung an den Mann wach, der im zivilen Beruf den Leuten die Haare schnitt und 2011 ebendort im Alter von 91 Jahren das Zeitliche segnete. In der Kleinstadt des Schongaus werden die Bewohner der Karl-Wald-Straße an den Mann aus Frankfurt stets erinnert, der durch einen einfachen, aber sinnvollen Vorschlag das Fußballspiel bereichert hat.