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Belastungssteuerung und Mentalität entscheiden im Titelkampf

Sportmediziner und Knappschaftsexperte Dr. Markus Bruckhaus-Walter.

Sportmediziner und Knappschaftsexperte Dr. Markus Bruckhaus-Walter.

Knappschaftsexperte Markus Bruckhaus-Walter zum Saisonfinale

Zweigeteilte Fußballlandschaft: Während in den Amateurligen seit knapp fünf Monaten kein Ball rollt, spitzt sich im Profibereich nach einer kräftezehrenden Saison das Titelrennen zu. Im Kampf um die Trophäen ist der Terminkalender für die besten Teams prall gefüllt. Wie bewahren die Spieler da ihre Fitness?

Nach monatelangem Kontaktsportverbot steht der Amateurfußball vor dem k.o. Die Zeit rennt davon. Das Saisonaus ist beschlossen, da ohne mehrwöchige Vorbereitung keine Wiederaufnahme des Spielbetriebs möglich ist, signalisieren die Verantwortlichen. Was sagt der Sportmediziner?

Markus Bruckhaus-Walter: Der Weg zurück zur Normalität ist lang, auch im Amateurbereich. Der Saisonabbruch ist konsequent. Man kann keinen Kaltstart hinlegen. Das Verletzungsrisiko für die Spieler wäre aufgrund der langen Pause und fehlender Wettkampfpraxis gewaltig. Vier Wochen Vorlaufzeit sind ein Minimum.

Aber in der Lockdownphase war es den Sportlern doch möglich, ein individuelles Trainings- und Fitnessprogramm zu absolvieren.

Bruckhaus-Walter: Die Vereine hatten keine Gelegenheit, die coronabedingte Zwangspause für Grundlagentraining zu nutzen. Geschweige denn, ein paar Testspiele einzustreuen. Gerade die sind wichtig. Sämtliche Belastungen eines Fußballspiels sind im Training kaum zu simulieren. Im Wettkampf ergeben sich extreme Situationen.

Im Profifussball geht es derweil auf die Zielgerade. Nach einer extrem kurzen Winterpause stehen in dichter Reihenfolge nun immer wieder entscheidende Spiele auf dem Programm. Wie hoch ist bei dieser physischen und psychischen Belastung die Gefahr für die Gesundheit der Spieler?

Bruckhaus-Walter: Die kurze Winterpause sehe ich weniger als Problem. Sie war auch zuvor in ausgedehnteren Varianten für richtige Regeneration zu kurz. Aus medizinischer Sicht wären Trainingspausen von bis zu zwei Wochen etwa alle drei Monate die beste Lösung. Dann können sich Muskeln, Sehnen und Bänder von Überlastung und Mikroverletzungen erholen. Doch das ist illusorisch. Entsprechend gibt es im Endspurt auch bei den austrainierten Profis eine erhöhte Verletzungsanfälligkeit.

Lässt sich die Verletzungsgefahr mit Belastungspausen reduzieren?

Bruckhaus-Walter: Es gilt, die akute Ermüdung der Akteure zu beachten, die eine Regeneration nach jedem einzelnen Spiel erfordert. Diese birgt die meiste Verletzungsgefahr. Dazu wird nun zum Saisonende die chronische Ermüdung spürbar, die eigentlich nur mit einer längeren Wettkampfpause behoben werden könnte.

Jetzt sind die Gelenke bedroht, vor allem das durch die Muskeln stabilisierte, komplexe Kniegelenk, das ohnehin einem erhöhten Verschleißrisiko ausgesetzt ist. Auf Ermüdungen folgen Verhärtungen, schließlich eventuell Muskelzerrungen oder gar Risse. Eigentlich benötigten die Spieler nun längere Regenerationsphasen zwischen den Spielen. Das Problem ist nicht alleine deren Anzahl - sondern die Taktung. Gerade in dieser Phase müssten die sogenannten Englischen Wochen minimiert werden.

In welchem Rhythmus und in welcher Intensität wird ein gutes Trainingsprogramm zusammengestellt? Viele Spieler sagen, dass sie lieber spielen als trainieren.

Bruckhaus-Walter: Das ist Quatsch. Niemand sollte alle drei Tage 90 Minuten spielen. Jetzt ist Rotation wichtig, deshalb sind nun auch fünf Auswechselungen erlaubt. Spieler dürfen nicht erst geschont werden, wenn sie auf dem Zahnfleisch gehen. In der Saisonvorbereitung wird Ausdauer trainiert. Zum Ende der Saison kommt es auf die richtige Belastungssteuerung an. Statt intensiv wird in der finalen Phase dosiert, regenerativ und taktisch ausgerichtet geübt. Das Training ist jetzt von systematisch wechselnden Belastungs- und Entlastungsphasen sowie längeren Erholungsphasen gekennzeichnet.

Wie verbessert man das Regenerations-Potenzial?

Bruckhaus-Walter: Regeneration beginnt vorausschauend. Die Profis werden ständig von Physiotherapeuten überprüft. So können schon leichte Muskelverhärtungen behandelt werden. Mit bildgebender Diagnostik lassen sich mögliche Schwachstellen zwischen Sehnen- und Muskelgewebe frühzeitig erkennen. Ein MRT dokumentiert, an welchen Stellen ein Muskel bereits geschädigt oder überbelastet ist, noch bevor Schmerzen zu verspüren sind. Zur optimalen Regeneration gehört auch ein Ernährungsprogramm. Nach dem Spiel gehen die Profis oft direkt zum Abendessen - um schnell die Kohlenhydratspeicher wieder aufzufüllen.

Wie weit und wie lange lässt sich die Fitness der Spieler durch innovative und intensivere Trainingsmethoden noch verbessern?

Bruckhaus-Walter: Der Fußball ist schon extrem intensiv geworden. Die ständigen motorischen und psychischen Beanspruchungen beanspruchen Kraft, Schnelligkeit, Ausdauer und Bewegungskoordination bis aufs Äußerste. Effizientes Cardiotraining und überschwellige Trainingsanreize stoßen zunehmend an Grenzen.
Eine Zeitlang vermag darüber hinaus eventuell noch eine starke Psyche den Körper weiter antreiben. Dann schieben Mentalität und Motivation die Ermüdungsgrenze noch einmal hinaus.

Gibt es ein wirksames Rezept gegen gefährliche Überlastungen?

Bruckhaus-Walter: Wie bereits gesagt: wenn die Gefahr einer zu hohen Muskelbelastung besteht, braucht es eine längere Trainingspause von drei bis vier Tagen. Der sicherste Weg, die ursprüngliche Leistungsfähigkeit wiederzuerlangen, ist ein aerobes Regenerations- und Kompensationstraining.
Gefährlich ist übermäßiger Ehrgeiz. Im Gruppentraining wird die individuelle Leistungsfähigkeit häufiger überfordert. Wenn die Fittesten das Tempo vorgeben, bewältigen Schwächere die Belastungen oft mit erhöhtem biologischem Aufwand. Oft verzichten junge Sportler dann auf wichtige Belastungspausen.