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Auch bei Corona: Der Fußball hat seine eigenen Gesetze

Jörg Andersson

Jörg Andersson

Knappschaft-Standpunkt zum Gesundheitsrisiko Profisport

Während die Republik im Teil-Lockdown über Sinn, Ausmaß, Dauer und Rechtmäßigkeit von Kontaktbeschränkungen, Ausgangssperren und Betriebsschließungen diskutiert, läuft der Profifußball unverändert im Sonderspielbetrieb. In der Bundesliga und ihren kleinen Schwestern, der 2. und 3. Liga, gilt das DFL-Regelwerk. Im Ergebnis können sich ungeachtet aller Corona-Schutzverordnungen weiter Woche für Woche zum Anpfiff Akteure aus mindestens 22 Haushalten auf einem Stück Rasen um einen Ball tummeln.

Im Vertrauen auf ein krisenfestes Kontrollsystem und Hygienekonzept flirtete die Liga sogar lange damit, bis zu fünfstellige Besucherzahlen ins Stadion zu schleusen. Getreu dem Motto: „Entscheidend is‘ auf’m Platz“, hält die DFL-Taskforce Gesundheitsrisiken überwiegend für beherrschbar. Fußball sei entgegen anderslautender Annahmen eine Sportart mit geringen Kontakten, sagt DFB-Mannschaftsarzt Tim Meyer. Analysen der DFL und eine Studie aus den Niederlanden zeigten, ergänzt Mediziner Meyer, „dass während des Fußballspiels die Dauer der engen Kontakte so kurz ist, dass es eigentlich auf dem Spielfeld kaum zu Infektionen kommen kann“. Selbst an heftigen Jubelszenen, die beim ersten Re-Start der Bundesliga im Frühsommer noch verpönt waren, niemand kaum jemand noch Anstoß.

Es gibt aber auch andere Positionen. Die Sportler schwitzen, atmen stärker, rufen über den Platz und spucken auch mal aus. Da werden Tröpfchen freigesetzt. Da scheint ein Ansteckungsrisiko zumindest nicht auszuschließen.

In dieser Pandemie ist die Trennschärfe besonders schwer. Aus dem Robert-Koch-Institut verlautet, in weniger als dreißig Prozent der Infektionen mit dem Coronavirus sei der Ursprung der Ansteckung nachweisbar.

Fußball unter der Käseglocke

Derweil wähnt sich der Profifußball unter der Käseglocke: abseits des Spielfeldes werden die fortlaufend getesteten Akteure abgeschirmt. Entsprechend groß ist der Aufschrei, wird die  Quarantäne gesprengt und ein Spieler lässt sich beim nächtlichen Ausflug oder „Zocken“ ertappen.  Beim Kreisligakicker; dessen Leben sich überwiegend außerhalb des Sportes abspielt, ist ein solches Kontrollsystem nicht praktikabel. Und weil sich Corona-Fälle im Amateursport schnell auf die gesamte Gesellschaft auswirken könnten, gilt jetzt eine generelle Spiel- und Trainingspause.

Turbulent ist es in der 4. Liga: Amateure oder Profis – da sind sich nicht alle Länder einig. Dazu klaffen Theorie und Praxis auseinander. In der von Nordrhein-Westfalen als Profibetrieb eingestuften Regionalliga-West zeigte sich, dass der Spielbetrieb auch ohne fortlaufende Tests der Akteure fortgesetzt wurde. Das Gesundheitsministerium betonte, in die Entscheidung nicht eingebunden worden zu sein. Daraufhin schrieb sich der Westdeutsche Fußballverband (WDFV) den  Pandemie-Schutz auf die Fahnen und versprach, 48 Stunden vor dem Anpfiff Schnelltests zu organisieren.

Zankapfel ist der Spielbetrieb in der Regionalliga Südwest, den Rheinland-Pfalz eine Zeit lang in Frage stellte. Gegen die Fortsetzung der Runde Mitte Dezember formiert sich weiter Widerstand. Vereine drohen mit Klagen. Bayern Alzenau, seit Jahrzehnten in der hessischen Fußballszene verankert, müsste auf fremden Platz ausweichen, weil die bayerische Landesregierung den Unterfranken den Trainings- und Spielbetrieb untersagt.

Fahrlässige Epidemie-Verbreitung?  

Risikogebieten und Reisewarnungen zum Trotz hat sich das Corona-Virus auch im Zuge von   Europacup-Wettbewerben und Länderspielen im Profifußball eingeschlichen. Weil die UEFA mit Niederlagen am grünen Tisch drohte, wurden Partien ausgetragen, obgleich Spieler im halben Dutzend als infiziert galten. In Hoffenheim lag fast der halbe Kader nach einer Partie in Tschechien flach. In Schweden musste sich Meister Malmö FF im Anschluss an die Kabinenparty komplett in Quarantäne begeben, nachdem der zuvor noch negativ getestete Mannschaftskapitän kurz darauf beim Schnelltest anschlug. Auch beim Nations-League-Duell der Deutschen gegen die Ukraine stellten sich eingesetzte Akteure 24 Stunden später als Covid-19-Träger heraus. Um den norwegischen Torjäger Erling Haaland in Diensten von Borussia Dortmund wurde vor einem möglichen Einsatz kräftig über Konsequenzen im Fall von Quarantäneverstößen spekuliert. Corona-Bestimmungen und Infektionsschutzgesetz gelten auch Profis, andernfalls könne die Polizei aktiv werden, meinte ein Osloer Arzt.

Damit nicht genug, liefern die ohnehin nicht 100prozentig sicheren Testverfahren bei unterschiedlichen Laboranalysen verblüffende Ergebnisabweichungen. Bei Lazio Rom mussten zahlreiche Spieler nach positiven Tests international pausieren um drei Tage später nach negativen Abstrichen national wieder am Ball zu sein.  Möglicherweise manipulierte Testergebnisse werfen Betrugsschatten über den Punktewettstreit und wären auch strafrechtlich relevant. Für das Delikt der fahrlässigen Verbreitung einer Epidemie können bis zu zwölf Jahren Gefängnis verhängt werden.

Während die Vereine im Amateurbetrieb noch über die Länge des Lockdown diskutieren und zwischenzeitlich mit Blick auf Kaltstartgefahren schon weit über den Jahreswechsel hinaus blicken, drohen im Corona-Wirrwarr und den unterschiedlich strengen Hygienekonzepten und Gesetzesauslegungen im ohnehin dicht getakteten Ligabetrieb Spielausfälle und lange Pausen. „Man wird froh sein müssen, wenn man diese Saison zu Ende spielen kann“, mutmaßt Sportmediziner Professor Fritz Sörgel.