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Gefährliches Spiel? Kopfbälle in der Kritik

Sportmediziner und Knappschaftsexperte Dr. Markus Bruckhaus-Walter im Gespräch über mögliche Verletzungsrisiken und Langzeitfolgen.

Viele Fußballspiele werden in der Luft entschieden. Ob Flanke, Ecke oder Abstoß: stets recken sich die Akteure in die Höhe, um mit Stirn oder Hinterkopf den Ball Richtung Tor zu wuchten. Nicht selten prallen dabei Ellbogen ins Gesicht oder Schädel gegeneinander.

Ausmaß und Folgen einer Kopfverletzung sind auf die Schnelle oft gar nicht zu erfassen. Vor anderthalb Jahren hat die Deutsche Fußball-Liga (DFL) regelmäßige  Hirntests für Bundesliga-Profis angeordnet. Um nach einem Zusammenstoß mehr Zeit für eine sorgfältige Diagnose zu gewinnen, sind Auswechselungen auf Zeit im Gespräch. Sind diese Vorkehrungen ausreichend?

Markus Bruckhaus-Walter: Im Fußball ist das Risiko von Kopfverletzungen lange nachlässig betrachtet worden. Gehirnerschütterungen sind nicht immer gleich zu erkennen. Um ein Hirntrauma zu diagnostizieren, bedarf es eines Spezialtests. Die sogenannte SCAT-5-Untersuchung dauert zehn Minuten. Dazu stellt sich die Frage: wie lange pausieren Spieler? Ich plädiere in allen Fällen für eine mindestens dreitägige Ruhephase, idealerweise mit um 30 Grad hochgelagerten Bettkopfteil.

Auch ohne Zusammenprall ist der Kopfball in der Diskussion. Anfang Februar ließ der englische Fußballverband aufhorchen. Aus gesundheitlichen Gründen soll das Kopfballspiel begrenzt werden – zumindest im Fußball-Nachwuchs.

Markus Bruckhaus-Walter: Hintergrund ist eine Untersuchung, der zufolge Fußballprofis im Vergleich zur britischen Gesamtbevölkerung mit einer 3,5 Mal höheren Wahrscheinlichkeit an einer degenerativen Hirnkrankheit sterben. Laut der Studie ist die Wahrscheinlichkeit, an Demenz zu erkranken, bei Fußballern knapp dreieinhalbmal  höher, das Alzheimerrisiko sogar  4,4 Mal erhöht.  Über einen Zusammenhang mit Kopfbällen wird bisher allerdings nur spekuliert. 

Stellt sich die Frage ist, ob Köpfen generell schädliche „Mini-Erschütterungen“ und damit leichte Verletzungen des Gehirns auslöst?

Markus Bruckhaus-Walter: Der US-Forscher Michael Lipton hat eine Studie vorgelegt, wonach sie bei über 1000 Kopfbällen pro Jahr die Gehirnzellen zurückbilden. Die „US Soccer Federation“ musste nach Klagen von Eltern schon offiziell das Kopfballspielen bei Kindern unter zehn Jahren verbieten. Auch in Deutschland warnen Jugendtrainer vor zu frühem Kopfballtraining. Der DFB empfiehlt es erst ab dem 13. Lebensjahr. 

Einige  Trainer argumentieren, die Technik müsse richtig sitzen. Früher wurde sogar am Kopfallpendel geübt. Ein angespannter Nacken entlaste den Kopf.

Markus Bruckhaus-Walter: „Richtiges oder falsches Köpfen halte ich für vernachlässigbar, da es immer zu einer unphysiologischen Gewalteinwirkung kommt. Auch beim Lehrbuch-gerechten Kopfball gerät der Stirnlappen, in  dem das Arbeitsgedächtnis sitzt, in Bewegung. Im Inneren stoßen das vordere und hintere Gewebe jeweils gegen die begrenzenden Schädelknochen. Klar ist, dass durch Kopfbälle Anpassungsvorgänge im Gehirn stattfinden. Ob diese allerdings  schädlich sind oder gar dumm machen, ist bei allen Studien letztlich noch nicht bewiesen.

Zurück zum Jugendfußball. Lässt sich dort das Risiko minimieren?

Markus Bruckhaus-Walter: Das Kopfballspiel sollte keinesfalls  zu den Grundlagen im Fußballtraining von Jugendlichen gehören. Kinder sind besonders gefährdet, zumal die Hirnrinde sogar noch bis zum 20. Lebensjahr wachsen kann. Andererseits gehören Kopfbälle  zum Fußballrisiko – auch im  Jugendbereich. Im Training mag es noch ein bewusster Kopfball sein, im Wettkampf während eines Spiels ist das in der Regel unkalkulierbar. Aber auch Älteren drohen Nebenwirkungen, wie die Studien zeigen. Auch Amateure sind betroffen, wenn die Halswirbelsäule  weniger flexibel reagiert und  das Rückenmark  zunehmend gestaucht wird. Die Folge: Bandscheibenbeschwerden. 

Vielen Dank für das Gespräch.