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Vertrauen in das eigene System - der Spirit von Maracanā

flw24 Kolumnist Michael von Kunhardt.

Michael von Kundhardt in Rio de Janeiro vor dem Maracanā.

Diese Kolumne schreibe ich direkt aus Rio de Janeiro, aus Maracanā. Auf meiner aktuellen Reise durch Brasilien mit fantastischen Eindrücken und hochinteressanten Sport-Begegnungen auf mentalem Top-Level ist der Abstecher nach Maracanā natürlich ein absolutes „Sport-Muss!“ Und auch wenn Olympia soeben erst vorbei ist und die letzten Deinstallationen an den Sportstätten noch vollzogen werden, bevor am 01.11. auch das Kult-Stadion wieder für den regulären brasilianischen Fussball-Wahnsinn frei gegeben wird, verbinde ich mit Maracanā natürlich den WM-Titel der Deutschen Fussball-Nationalmannschaft. Und in dem Zusammenhang unmittelbar auch den unglaublichen 7:1 Kantersieg gegen Brasilien im Halbfinale von Belo Horizonte, der das Finale und den dann folgenden 1:0 Sieg gegen Argentinien erst möglich machte. Aus mentaler Sicht, und das ist ja unser Fokus in dieser Kolumne, wurde Deutschland Weltmeister, weil es über das gesamte Turnier das stabilste System hatte und weniger verwundbar war als die anderen Teams. Auch war zu spüren, dass ein starkes Vertrauen in das eigene Handeln gegeben war. Und genau das macht natürlich auch etwas mit den Gegnern, denn diese werden sich nach und nach immer mehr bewusst wie kompakt und in sich gefestigt der Kontrahent ist. Und dann passiert folgendes: „Loser focus on winners  - winner focus on winning.“ Ein wunderbares Beispiel für Selbstvertrauens-Verschiebung!

Bleiben wir an dieser Stelle nochmals bei dem unglaublichen Spiel gegen Brasilien. Deutschland hatte bis dahin in 21 Begegnungen erst 4 x gegen die Seleção gewonnen, 12 x verloren. Der höchste Sieg einer deutschen Elf überhaupt gegen Brasilien bis zum WM-Halbfinale 2014 war ein 2:0 vom 12. März 1986 in Frankfurt. Die beste Historie ist irgendwann dann eben auch Geschichte - nur wie konnte es dazu kommen?

Vorbereitung auf Eventualitäten

Aus mentaler Sicht ist es für mich völlig klar. Das deutsche Team war extrem stabil und auf viele Eventualitäten vorbereitet. Und genau das fehlte dem brasilianischen Team genauso wie das Mitwirken von Neymar und führte dazu, dass die Mannschaft nach den ersten Gegentreffern wie paralysiert auf dem Platz neben sich stand. Und genau dort liegt wiederum unser Transfer-Nutzen:

Auf welche Eventualitäten sind die Teams quer durch alle Ligen wirklich vorbereitet? Wie verhält sich Euer Team, wenn ein Leistungsträger ausfällt, wie verhält sich Euer Team bei einem Rückstand, wie verhält sich Euer Team, wenn die Kräfte schwinden, jedoch noch 15 Minuten zu spielen sind? Sind dafür die Rollen geklärt. Wie verhält sich Euer Team, wenn es vom Schiedsrichter benachteiligt wird, wenn die Zuschauer negative Stimmung machen, wenn die letzten 3 Spiele verloren gingen ...usw.. ?

Je wasserdichter das System, desto stärker das Vertrauen. Damit das Vertrauen sich erst so richtig entwickeln kann, ist Transparenz notwendig, die Informationen müssen fließen, das Wissen zirkulieren und natürlich müssen Erfolge her. Der Erfolg kann im Fußball natürlich nicht programmiert jedoch definitiv wahrscheinlicher gemacht werden. So wie auch in anderen Sportarten. Es setzten sich eben dann doch die Teams, Sportler und Sportlerinnen durch, die sich schlicht und einfach mehr kümmern, ihre Hausaufgaben machen und sich selbst permanent aktiv entwickeln. Und es gibt so unglaublich viel Potenzial dafür – nach oben wird die Luft dünner, aber auch weit oben ist noch sehr viel Platz für Entwicklung – siehe Brasilien 2014.

Um den Bogen zu schließen und Aktualität zu ergänzen: Die Klarheit eines Nico Kovac scheint der SGE neue Transparenz und insgesamt mehr Zutrauen in die eigene Leistung zu geben als in den letzten Jahren.

Wenn es einem Team während einer Saison gelingt, in jedem Spiel Stabilität und Struktur zu halten, dann wird das Ergebnis am Ende ein sehr Gutes sein. Damit dies möglich ist, ist eine mentale Reife unerlässlich, die wiederum mit Verantwortung einher geht. Verantwortung für Klarheit, Verantwortung für Transparenz, Verantwortung für individuelle und systemische Leistungserbringung. Daran lässt sich arbeiten -  viel mehr als es in den meisten Teams quer durch alle Ligen getan wird.

Blick über den Sport-Tellerrand

Ich hatte vor wenigen Tagen in Rio de Janeiero ein sehr interessantes Gespräch mit dem brasilianischen Hockeybundestrainer, Claudio Rocha, der sich mit seinem Team doch sehr überraschend für die Olympischen Spiele in Rio qualifiziert hatte. Dabei sprachen wir auch darüber wie es denn Argentinien gelingen konnte, in 2016 erstmals Hockey-Olympiasieger der Herren zu werden. „Argentinien hatte für mich vor allem das stärkste Zutrauen in das eigene System – das war für mich ihr Schlüssel zum Erfolg“, meinte der brasilianische National-Coach. Und weiter: „Die deutschen Teams schaffen es auch immer wieder, seht stabil und strukturiert zu agieren. Entweder bleibt Ihr in Eurem System oder findet schnell wieder zurück. Das ist für uns hier in Brasilien auffällig“.

Aufgrund der sich immer mehr ausbildenden Leistungsdichte in den allermeisten Sportarten wird der mentale Aspekt auch im Fußball immer wichtiger. Die Teams, die sich dieser Entwicklung ambitioniert stellen und daran aktiv teilnehmen, werden klare Vorteile haben.

Und ich bin schon heute sehr gespannt wie Brasilien bei der nächsten WM agieren wird. Ob es nochmals ein 7:1 geben in einem WM-Halbfinale gegen den Gastgeber geben wird, ist indes schon sehr unwahrscheinlich. Wahrscheinlicher wäre dann wohl eher schon die Titelverteidigung, womit viele unserer Leser sicherlich auch leben könnten.

Nun denn – es ist noch hin, die Fußball-Hausaufgaben sind zu machen - der Spirit von Maracanā ist jedenfalls noch da – ich habe ihn gespürt!

Bis zur nächsten Kolumne uns allen eine herausragend gute Zeit und spannende Fußball-Spiele. 

Herzlichst und sportlichst

Michael von Kunhardt