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15.03.2016
Kategorie: Interviews, Aktuelles, flw24 intern, TopNews
Von: flw24 von Timm Henecker

„Wenn ich schlecht gepfiffen habe, ist mir mein Hund zwei Tage aus dem Weg gegangen“

Interview mit Ex-Buli-Schiri Lutz Wagner (TEIL II)

Lutz Wagner in seiner aktiven Zeit. Foto: imago

Im zweiten Teil des flw-Interviews mit Lutz Wagner gibt uns der Ex-Buli-Schiedsrichter Einblicke in die Schiri-Seele, erläutert den Unterschied zwischen der Kreisklasse und der Bundesliga, resümiert Fehlentscheidungen, die ihm besonders in Erinnerung geblieben sind und berichtet von Fußball-Profis mit denen er es besonders gerne zu tun hatte.

flw24: Lutz, Du kennst ja beides. Sowohl die Amateur-Klassen als auch den Profi-Bereich. Wie war es für Dich, wenn Du während deiner Bundesliga-Zeit auch auf den kleinen Sportplätzen der Region gepfiffen hast?

Lutz Wagner: Also im ersten Moment ist es ein Vorteil, wenn die Leute meinen: „Ah da kommt ein Bundesliga-Schiri, das wird dann heute gut“. Umgekehrt sind die Leute natürlich auch extrem kritisch und wenn dann irgendwas nicht so gut läuft, heißt es schnell: „Der pfeift ja genauso einen Mist wie die, die sonst da sind“. Dann wird manchmal sogar umso mehr draufgehauen und auf dem Dorfplatz bekommt man das ja dann auch direkt mit. 

Flw24: Ist die Art der Kritik der größte Unterschied zum Stadion?

„Auf den kleinen Sportplätzen ist eher Leib und Leben bedroht und in den großen Stadien eher die Psyche“

Lutz Wagner: Ja, gewiss. Die eine Kritik ist eine anonyme Kritik von zigtausend im Stadion, die aber bei Fehlern  noch mehrere Tage über die Medien breitgetreten wird, und die in Deutschland jeder mitbekommt. Wenn ich in Weyer einen schlechten Tag habe, bekommt das keiner außer den Leuten hier auf dem Sportplatz mit, wenn ich aber in Dortmund einen schlechten Tag habe, dann weiß es die ganze Nation. Die Zeitungen vergeben Noten, jeder spricht dich an und du bist im Fokus der Öffentlichkeit. Das ist natürlich eine andere Form von Kritik als auf dem Kreisliga-Sportplatz. Anfangs zwar anonymer, aber sie begleitet dich viel länger. Auf dem Sportplatz ist die Kritik viel persönlicher, da bekomme ich direkt ins Gesicht gesagt, was ich für einen Mist pfeife, womöglich noch von jemandem den ich kenne. Um es etwas zugespitzter zusammenzufassen: Auf den kleinen Sportplätzen ist eher Leib und Leben bedroht und in den großen Stadien eher die Psyche.

flw24: Wie ist es denn eigentlich um unsere Schiri-Basis bestellt? Viele Vereine haben Schwierigkeiten genügend Schiris zu stellen. Haben wir da ein Nachwuchs-Problem?

Lutz Wagner: Die Basis ist vorhanden. Keine Frage. Grundsätzlich haben wir noch genug Leute, die einen Lehrgang machen. Wenn nur die Hälfte derjenigen dabei bleiben würde, hätten wir kein Schiedsrichter-Problem. Das Problem - und das hat vielerlei Gründe - ist, das viele im ersten Jahr aufhören. Die Gründe liegen zum einen in der Gesellschaft, es gibt einfach viel zu viele Möglichkeiten und man probiert viel aus, dann hören Leute eben auch schneller auf. Aber auch die Rahmenbedingungen sind andere, denn so kritisch wie mit dem Schiri-Sport umgegangen wird, verlieren manche schon die Lust bevor sie richtig angefangen haben. Wir haben festgestellt, dass wir von den Leuten, die wir verlieren, das absolute Gros im ersten halben bis dreiviertel Jahr verlieren. Die hören nach den ersten Spielen auf. Wer aber über das erste Jahr hinweggekommen ist, wer die Gemeinschaft kennenlernt und schätzen gelernt hat  und sich auch mit den Rahmenbedingungen irgendwie arrangiert, der bleibt auch sehr lange. Aber die meisten werden in den ersten Spielen schon übel beschimpft und haben dann keine Lust mehr. Die haben dann ja auch noch nicht diesen Schutzpanzer, den man sich mit der Zeit erwirbt.

Vor allem im Jugendbereich benehmen sich Eltern teilweise sehr schlimm und sehr unfair im Umgang mit jungen Schiedsrichtern. Wir geben diesen jungen Leuten deshalb Paten oder Betreuer an die Hand, damit sie nicht so alleine sind, allerdings ist das auch nur bedingt möglich. Insgesamt gesehen muss sich das fußballerische Umfeld hinterfragen, was zu tun ist, um gute Schiedsrichter zu bekommen und auch vor allem auch zu halten. Und da sind alle gefragt, die Vereine, die Schiedsrichtervereinigungen, die Spieler, die Trainer, die Eltern, die Funktionäre, einfach alle.

„Wichtig ist, dass die Vernünftigen noch die Überhand behalten“

Meine Methode war früher, dass ich den Schiri-Anwärtern die zehn gebräuchlichsten Schimpfwörter an die Wand geschrieben habe und ihnen dann gesagt habe: „Wenn ihr das nicht abkönnt, dann lasst es sein“. Beleidigungen – meist aus der Emotion heraus - können wir nämlich nicht verhindern. Was wir aber verhindern können, sind die Auswüchse, die teilweise passieren, dass bspw. körperlich attackiert wird, dass es Sachbeschädigungen gibt oder Ähnliches. Das ist bedenklich. Wichtig ist, dass die Vernünftigen noch die Überhand behalten.

flw24: Was muss man als Schiri eigentlich für ein Typ sein?

Lutz Wagner: Oh, das ist schwierig, man muss nicht einheitliche Typen haben. Genauso wie es in einer Mannschaft verschiedene Charaktere und Fußballer gibt – es wäre ja  nicht gut, wenn lediglich elf Techniker auf dem Platz stehen -, so sollte es auch unterschiedliche Typen von Schiris geben. Schiedsrichter muss man vereinheitlichen, was die Regeln angeht, damit sie diese gleichmäßig auslegen - das ist klar. Aber ansonsten brauchen wir unterschiedliche Typen und Persönlichkeiten. In der Bundesliga gibt es bspw. einen Florian Meyer, der sehr kommunikativ und freundlich ist, es gibt aber auch einen Wolfgang Stark, der eher ein Hardliner ist. Man braucht für bestimmte Situationen mal den Einfühlsameren oder auch mal denjenigen, der hart durchgreift. Beide Typen müssen natürlich beides können, aber es ist gut, wenn sie von Natur aus erstmal unterschiedlich an die Sache rangehen.

flw24: Wie geht man als Schiri mit Fehlern um? Oft weiß man ja schon schnell nach dem Spiel, das man etwas falsch gemacht hat.

Lutz Wagner: Keinen Fehler zu machen geht nicht, und wenn einer passiert dann hofft man natürlich, dass der Fehler nicht entscheidend ist. Grundsätzlich weiß ich schon Sekunden später, ob die Entscheidung falsch oder richtig war. Da muss man sich nur das Spielerverhalten anschauen. Wenn nur einer reklamiert, liegt man als Schiri meist richtige, wenn mehrere Spieler vehement und langfristig reklamieren, dann liegt oftmals eine Fehlentscheidung nahe. Wenn aber die Auswechsel-Bank draußen tobt, hat das so gut wie nichts zu sagen. Entscheidender sind die beteiligten Personen auf dem Feld.

Wichtig ist natürlich, sich der Situation im Nahhinein anzunehmen und zu analysieren. Warum habe ich den Fehler gemacht, habe ich vielleicht falsch gestanden? Habe ich mich ablenken lassen, war ich nicht konzentriert, war ich mit den Gedanken noch an einer alten Situation, usw. Ich muss mich fragen, wo liegt die Ursache, dass mir der Fehler passiert ist und daran muss ich dann arbeiten.

„Fehlentscheidungen können einen auffressen“

Dass einen das erstmal auffrisst und man das verarbeiten muss, ist klar. Wenn ich heimkam von einem Bundesligaspiel und es nicht gut gelaufen ist, war ich erstmal zwei Tage ungenießbar. Ganz einfach, weil ich mich über mich geärgert habe. Da ist mir der Hund sogar schon aus dem Weg gegangen. Schiedsrichter sind genauso wie Fußballer leistungsorientiert und nehmen ihren Sport sehr ernst. Auf der anderen Seite gibt es natürlich auch mal Situationen, wo man es einfach nicht richtig sehen kann, auch wenn man optimal steht. Das passiert auch. Dann muss man es trotzdem irgendwann Abhaken. Das ist wichtig für einen selbst.

flw24: An welche Entscheidungen denkst Du da?

Lutz Wagner: Wenn wir jetzt über alle meine Fehlentscheidungen sprechen wollen, dann sitzen wir bis morgen früh hier. Das würde den Rahmen sprengen. Was einem als Schiedsrichter leid tut, war wenn ein Spieler persönlich von einer Entscheidung betroffen war. Ich hatte bspw. mal den Kölner Matthias Scherz in Schalke mit Gelb-Rot vom Platz gestellt, weil der den Ball nach einem Pfiff noch übers Tor geschossen hatte. Über seine Aktion hatte ich mich geärgert und dann mit der Karte reagiert. ABER: Der hatte den Pfiff in der lauten Arena wirklich nicht gehört. Darüber habe ich mich im Nachhinein geärgert, weil ich mich in diesem Moment emotionalisieren ließ. Und emotionale Entscheidungen sind schlechte Entscheidungen, weil man dann nicht mehr objektiv sein kann – das kennen wir ja alle. In dem Fall haben wir uns später mal ausgesprochen und zusammen ein Kölsch getrunken, dann war die Sache auch wieder erledigt. Aber das sind Fehler, die müssen nicht sein.

flw24: Was heißt das? Haben Dich in besagter Szene bzw.in diesem Spiel die Kölnern Spieler an sich mehr aufgeregt als die Schalker oder wie muss man sich als neutraler Beobachter die Gedanken eines Schiris da vorstellen?

Lutz Wagner: Nein, das ist nicht so. Die Leute interpretieren in Entscheidungen ja oftmals viel zu viel rein. Viele unterstellen einem, dass Schiris über alles nachdenken im Spiel. Die sagen, dem Nationalspieler oder Weltmeister wird kein Foul gepfiffen oder so. Das ist völliger Schwachsinn. Du schaust im Spiel auf eine Situation und siehst, dass einer den anderen von den Beinen holt und entscheidest in dem Moment auf Foul. Du denkst da nicht nach wer Tabellenerster oder Letzter ist, wer Nationalspieler oder Debütant ist. Du denkst einfach: „Der begeht ein Foul und pfeifst“. Punkt.

„Je weiter der Weg zum Täter, desto falscher wird die Entscheidung“

Wo du allerdings etwas mehr überlegst ist, wenn du zum Spieler hingehen musst und dir dann noch andere Gedanken durch den Kopf gehen. Je weiter der Weg zum Täter, desto falscher wird meist die Entscheidung, weil du andere Dinge mit einfließen lässt. Meistens ist die erste Entscheidung die Beste, wenn du zudem auch noch nicht emotionalisiert bist.

Flw24: Hattest Du in deiner Buli-Zeit eigentlich auch Lieblings-Spieler, Vereine oder Stadien, wo Du besonders gerne gepfiffen hast?

Lutz Wagner: Ja, natürlich hatte ich die. Aber eine Illusion wurde mir in meiner jahrelangen Tätigkeit  genommen, und zwar die, dass es Vereine gibt, wo nur die „liebe und netten“ Spieler spielen. Das gibt es nicht (Anm. der Redaktion. „Lutz lacht“). Das Geschäft ist so schnelllebig, da wird ständig gewechselt und Vereinszugehörigkeit wird ohnehin klein geschrieben. Natürlich gibt es Spieler mit denen man gut kann und welche mit denen man weniger gut kann. Das ist ja völlig menschlich. Ein angenehmer Typ war für mich zum Beispiel Toni Polster - der hatte auch im größten Stress immer noch einen lockeren Spruch drauf gehabt - oder ein Lukas Podolski, der mir beim Warmmachen schon immer den Ball hin gespielt hat, sodass wir Doppelpass gespielt haben. Und natürlich ist das auch mit den Trainern so. Heutzutage bin ich auch immer noch mit vielen von ihnen im Dialog, wenn ich irgendwo im Stadion bin. Das ist alles schon irgendwie eine große Familie.

„Ich war gerne in Stadien mit toller Atmosphäre“

Es gibt natürlich auch Stadien, wo ich gerne war - meist da, wo eine tolle Atmosphäre war. Ich finde Dortmund natürlich klasse, das Millerntor in St. Pauli, der alte Bökelberg in Mönchengladbach oder der Betzenberg in Kaiserslautern. Da war immer eine klasse Stimmung. Da bin ich als Schiri gerne hingefahren.

flw24: Lutz, vielen Dank, dass Du uns so interessante Einblicke in den Schiri-Job  gegeben hast. Das ist sicherlich auch hilfreich für alle Fußballspieler.

Lutz Wagner: Ja, das würde mich freuen. Vieles passiert ja heutzutage auch wegen einer gewissen Unkenntnis von der Arbeit des Anderen und wenn man sich austauscht und spricht, so wie wir miteinander, dann entstehen viele Missverständnisse erst gar nicht und das ein oder andere böse Wort fällt schon mal weg. Dann hat man schon einen Schritt in die richtige Richtung gemacht.

flw24: Das ist ein tolles Schlusswort, Lutz. Wir können uns dem nur anschließen. Wir sind uns sicher, dass das den einen oder anderen Spieler in unserem Kreis auch mal zum Umdenken in seinem Verhalten gegenüber den Schiedsrichtern anregen wird. Besten Dank dafür.

Das Interview führte Timm Henecker.