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08.03.2016
Kategorie: Interviews, Aktuelles, TopNews, flw24 intern
Von: flw24 von Timm Henecker

„Der Videobeweis wird früher oder später kommen“

Interview mit Ex-Buli-Schiri Lutz Wagner (TEIL I)

Timm Henecker zusammen mit Lutz Wagner beim flw24 Fußballstammtisch in Weyer im Wissegiggl. (Foto: flw24)

Lutz Wagner ist allen Fußball-Fans in Deutschland ein Begriff, war der Krifteler, der oft fälschlicherweise als Hofheimer bezeichnet wird, doch jahrelang als Schiedsrichter im deutschen Profi-Fußball tätig und wies Matthäus, Ballack und Co. auf den Grünflächen der deutschen Fußball-Tempel in die Schranken. Nicht immer waren seine Entscheidungen auf dem Platz richtig, das weiß er selbst. Umso spannender ist es, dass Lutz Wagner mit flw24 über seine Erfahrungen als Bundesliga-Schiri und seine Ansichten zu den aktuellen Diskussionen rund um technische Hilfsmittel im Fußball gesprochen hat.    

Bis zum Erreichen der Altersgrenze mit 47 Jahren pfiff Lutz Wagner insgesamt 197 Spiele der obersten deutschen Fußball-Spielklasse. Noch heute ist der 52-Jährige als Coach der Bundesligaschiedsrichter und DFB Lehrwart jedes Wochenende in den Stadien der Republik tätig und ist verantwortlicher Leiter der DFB Talentförderung. Darüber hinaus gibt er Coaching-Seminare für Führungskräfte in der freien Wirtschaft und schult Manager in punkto Entscheidungsfindung.

flw24: Hallo Lutz, wie man hört, kennst Du Dich auf den Fußballplätzen in der Limburger Gegend gut aus. Wo hast Du denn im flw-Land schon überall gepfiffen?

Lutz Wagner: Oh, da kommen viele Orte zusammen. Ich habe hier überall schon gepfiffen und kenne viele Leute. Wo soll ich da anfangen, ob in Niederbrechen, Villmar, Runkel, Dombach, Eisenbach, Dauborn, Selters, Würges oder in Weyer. Da kommt man als Schiedsrichter-Vertreter für den Fußballbezirk Wiesbaden schon ordentlich rum. Heute pfeife ich allerdings nicht mehr, aber früher war ich doch des Öfteren in den unteren Ligen tätig und habe da auch immer sehr gerne gepfiffen. Wenn ich freitags ein Bundesliga-Spiel gepfiffen  hatte, habe ich sonntags oftmals in der Bezirksklasse gepfiffen. Das hat mir immer gefallen, weil ich nie den Bezug zur Basis verlieren wollte. Das war mir immer sehr wichtig. Heute ist mir das Pfeifen leider nicht mehr möglich, weil ich durch meine Tätigkeiten für den DFB jedes Wochenende für den Fußball unterwegs bin. 200 Tage gehen da für alles inklusive Sichtungen, Lehrgänge, Regelberater für die Medien und so weiter im Jahr locker drauf.

flw24: Und zudem arbeitest du noch als Coach in der freien Wirtschaft?

Lutz Wagner: Ja, da bin ich hauptsächlich als Keynote-Speaker für Firmen tätig und halte Impulsvorträge für Führungskräfte, die sich vor allem auf das Thema „Entscheidungen“ beziehen. Da komme ich auch auf 50 bis 60 Veranstaltungen im Jahr. In der freien Wirtschaft wird ja über so viel geredet, Motivation, Kommunikation, etc. Das Problem in den meisten Firmen ist aber, das nicht mehr entschieden wird, weil die Leute Angst vor Entscheidungen haben. Der Grund ist, dass sie sich ganz einfach nicht mit dem Entscheidungsprozess auskennen. Und da setzte ich dann an und ziehe natürlich Vergleiche aus meiner Schiedsrichter-Vergangenheit. Ich versuche Tipps und Anregungen zu geben, wie man sich Entscheidungen nähert, an bestimmte Situationen herangeht oder wie man mit Fehlentscheidungen umgeht.

flw24: Das heißt, vom „Schiri-Rentner-Dasein“ bist Du noch weit entfernt, oder? Wie sieht die Betreuung der Bundesliga-Schiedsrichter denn aus?

„Jeder Bundesliga-Schiedsrichter hat einen eigenen Individual-Coach und ein eigenes Video-Portal“

Lutz Wagner: Ja, das stimmt. Von einem Schiri-Rentner-Dasein kann noch keine Rede sein (Anm. der Red.: „Lutz lacht“). Zur Betreuung: Jeder junge Schiedsrichter in der Bundesliga hat seinen Individualcoach mit dem er einmal in der Woche zusammentrifft. Zudem hat jeder Schiri sein eigenes Videoportal, wo er seine Entscheidungen noch einmal einsehen kann (inklusive seiner Stärken- und Schwächen-Szenen). Darüber hinaus hat jeder Schiedsrichter seine Pulsuhr, die alle Daten direkt an den DFB übermittelt. Das ist alles ein riesen Apparat. Ich betreue bspw. zwei Schiedsrichter in der ersten und zweiten Liga als Individualcoach. Als Schiri-Coach im Stadion verfasse ich nach jedem Spiel einen vierseitigen Bericht, der an den DFB geht. Noten diskutieren wir in der Öffentlichkeit natürlich nicht. Genauso wie die Trainer ihre Mannschaftssitzungen nicht in der Öffentlichkeit machen, machen wir das auch nicht vor der Presse. Das System ist hochprofessionell.

flw24: Wir können wir uns das vorstellen?

Lutz Wagner: Wir analysieren gemeinsam mit den Schiedsrichtern die guten und schlechten Szenen und besprechen alles. Beim Spiel Darmstadt gegen Leverkusen, das ich letztens besuchte, waren manche Sachen des Schiris gut, manche aber auch optimierungsbedürftig,  beispielsweise hätte die Gestik vor dem Freistoß zum 1:1 klarer sein müssen - weil der Schiri erst weiterspielen anzeigte und dann doch abpfiff - so etwas führt natürlich zu Irritationen. Solche Dinge spreche ich dann im Nachhinein intern mit den Schiedsrichtern an. Und natürlich helfe ich den Jungs, sich auch auf das nächste Spiele vorzubereiten.

„Als Schiri musst du gut vorbereitet, aber nicht vorbelastet sein.“

flw24: Wie bereitet sich ein Schiedsrichter denn auf ein Bundesliga-Spiel vor?

Lutz Wagner: Als Schiri muss ich wissen, was für eine Art Fußball die beiden Teams, die ich am Wochenende pfeife, spielen. Wenn ich zum Beispiel Darmstadt pfeife und die bekommen einen Freistoß in der eigenen Hälfte – dann weiß ich als Schiri, ich muss mich so schnell wie möglich nach vorne orientieren, weil Darmstadt immer mit langen hohen Bällen auf Heller oder Wagner agiert. Bei Bayern München muss ich sowas nicht machen, das weiß ich. Die spielen ihren gepflegten Ballbesitz- und Kurzpass-Fußball, was für den Schiedsrichter wesentlich weniger Laufarbeit bedeutet. Man muss sich auf die Mannschaften und taktischen Maßnahmen vorbereiten, z. B. welche Mannschaft beim Eckball einen, beide oder keinen Pfosten abdeckt – so etwas ist ungemein wichtig für die Assistenten. Oder auch in der zweiten Liga, wenn ich einen Schiedsrichter frage, welche Mannschaft spielt auf den zweiten Ball, dann muss sofort „RB Leipzig“ genannt werden, weil das deren typisches Spiel ist. So muss ich mich als Schiri auf Mannschaften, Spielarten und Spielertypen einstellen. Du musst als Schiri gut vorbereitet, aber nicht vorbelastet sein.

flw24: Nicht vorbelastet sein? Meinst du damit, dass man einen Spieler, von dem man weiß, dass er schnell und gerne im Strafraum fällt, nicht unter einen „Schwalben-Generalverdacht“ stellen darf?

Lutz Wagner: Ja, genau. Als Schiedsrichter musst du bei einer solchen Aktion gut vorbereitet sein, aber nicht vorbelastet. Beispiel Robben: Ich darf als Schiri nicht denken, der Robben fällt immer. Ich als Schiri muss denken, Robben und Bayern München spielen einen Fußball, wo die Außenspieler immer in die Mitte ziehen und in 1:1-Situationen gehen. Oft holen die da einen Standard raus oder schaffen Überzahl – für mich als Schiri heißt das, ich darf bei Bayern München nie durch die Mitte laufen, sondern muss immer versetzt seitlich laufen, damit ich alles bestmöglich (Zweikampf) von der Seite sehen kann. Da drauf kommt es für mich als Schiri an. Es geht nicht darum, ob Robben schnell fällt oder nicht, dann wäre ich nämlich vorbelastet. Bei Robben wird natürlich immer diskutiert, ich erinnere mich da an die Elfmeter-Szene im Pokalspiel in Bochum. Wäre die Situation auf der anderen Seite gewesen, gäbe es keine Diskussion.

flw24: Da steckt einiges an Vorbereitung und Arbeit dahinter. Aber dennoch hat man momentan den Eindruck, dass den Schiris mehr Fehler denn je unterlaufen. Oder ist das einfach nur der medialen Berichterstattung mit zwanzig verschiedenen Kameraeinstellungen geschuldet?

Lutz Wagner: Es passieren momentan nicht mehr Fehler als sonst auch, aber wir klären momentan einfach viel mehr auf. Als ich das erste Mal in der Bundesliga als Assistent, damals noch Linienrichter genannt, tätig war, gab es gerade mal drei Spiele von denen Ausschnitte in der Sportschau gezeigt wurden. Und da war lediglich eine Kamera an der Mittellinie positioniert. Heute sieht man einfach alles. Da steckt eine riesige mediale Maschinerie dahinter. Ich werde teilweise während den Spielen im Stadion angesprochen, ob ich schnell mal einen Blick auf eine strittige Szene werfen kann und etwas dazu sagen kann. Sonntags rufen dann noch Kicker, Express und zahlreiche andere Medien an und wollen etwas zu brisanten Entscheidungen wissen. Dann geht es am Montag noch mit den Drittverwertern, den Regionalprogrammen weiter, die dann auch irgendwas bringen müssen, was die anderen Sender noch nicht berichtet haben. Und Schiri-Entscheidungen sind da natürlich immer ein dankbares Thema. Das ist Wahnsinn.

flw24: Kommen wir zu den Themen, die derzeit heiß diskutiert werden. Wie stehst Du zu technischen Hilfsmittel im Fußball? Und auch speziell zum Videobeweis?

„Fußball an der Basis ist anders“

Lutz Wagner: Zu Allererst muss man natürlich sagen, dass man Fußball an der Basis nicht mit dem Profibereich vergleichen kann, weil da unter anderen Voraussetzungen gespielt wird. Auf dem Hartplatz in der Kreisliga, da pfeifen die wahren Helden. Die sind mit der Kritik der Zuschauer direkt persönlich konfrontiert. Die haben keine Hilfsmittel und oftmals auch keine Assistenten. In der Bundesliga hast du als Schiri viele Annehmlichkeiten, aber natürlich auch einen anderen Druck. Technische Hilfsmittel wird es in der jetzt diskutierten Form auch nur im Profibereich geben können. Das Hawk-Eye beispielsweise funktioniert gut und ist sicherlich sehr hilfreich. Das ist klasse, aber man muss immer schauen, ob es um sich um eine Schwarz-Weiß-Szene handelt, etwa Tor oder Nicht-Tor oder ob es um bewertungsrelevante Kriterien geht, also, ist es ein Foul oder kein Foul, ist es Absicht oder keine Absicht, da wird es schon schwieriger.

„Der Videobeweis wird kommen“

Aber durch jeden Fehler wird der Druck immer größer, den Videobeweis im bezahlten Fußball einzuführen. Und er wird kommen, weil man sich der Sache nicht verschließen kann und der Druck einfach immer größer wird. Es wird dann heißen: „Hier ist doch Hilfe, warum nehmt ihr sie denn nicht?“. Man muss den Videobeweis dann meines Erachtens aber so dosiert und vernünftig einsetzen, dass der eigentliche Spielcharakter nicht leidet. Und man muss natürlich genau definierte Richtlinien für die Benutzung des Videobeweises einführen - wann wird er genutzt, von wem, weshalb und wie? Wenn das abgestimmt ist, dann kann das auch funktionieren, aber auch nur dann. Beim Fußball gibt es ja nicht so viele Unterbrechungen wie etwa beim Handball oder beim Hockey.

Bei Unterbrechungen wie bei einem Tor oder einem Elfmeter ist es natürlich einfach, aber was machen wir bei Situationen, wo nicht gepfiffen wird? Es spielen aber natürlich auch noch andere Dinge eine Rolle, die man beachten muss. Zum Bespiel darf ein Trainer einen Videobeweis nicht als taktisches Mittel nutzen können oder die Medien, die sicherlich aufgrund von Werbeunterbrechungen an so etwas interessiert sein könnten, den Videobeweis für ihre Zwecke einfordern. Warten wir einfach die jetzt vereinbarte Testphase ab und urteilen dann. (…)

Was der größte Unterschied zwischen Kreisklasse-Sportplätzen und Bundesliga-Arenen ist, welche Fehlentscheidungen ihm besonders in Erinnerung geblieben sind, in welchen Fußball-Stadien er am liebsten gepfiffen hat und mit welchen Profis er es besonders gerne zu tun hatte, erzählt Lutz Wagner im zweiten Teil des flw-Interviews.

Also unbedingt am kommenden Dienstag reinklicken und den zweiten Teil des Interviews „Wenn ich schlecht gepfiffen habe, ist mir mein Hund zwei Tage aus dem Weg gegangen“  mit dem äußerst sympathischen Schiedsrichter-Lehrwart Lutz Wagner lesen!!! 

Das Interview führte Timm Henecker.