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12.04.2016
Kategorie: Interviews, Aktuelles, flw24 intern, TopNews
Von: flw24 von Claus Coester

„Den abgelaufenen Pass hüte ich wie einen Schatz“

Claus Coester im Interview mit der Weltmeisterin von 2003 Nia Künzer.

Claus Coester im Gespräch mit Nia Künzer. (Foto: Claus Coester)

flw24: Guten Morgen, Frau Künzer, schön, dass Sie gekommen sind. Wie geht es Ihnen?

Nia Künzer: Danke, mir geht es gut. Meine Familie ist gesund. Wir haben zwei kleine Kinder. Da herrscht also der ganz normale Wahnsinn (lacht).

flw24: „Nia“ und  „Tsholofelo“ – „ich will“ und „Hoffnung“. Ja das sind die beiden Namen, die Ihnen Ihre Eltern mit auf den Lebensweg gegeben haben. Beides richtig schöne Namen, die sozusagen Lebensprinzipien für Sie geworden sind?

Nia Künzer: Ich habe mich nicht unbedingt daran orientiert. Aber zu meinem Naturell und zu meinem Ehrgeiz, ja das passt schon.

flw24: Wikipedia weist Sie unter den Söhnen und Töchtern Ihrer Geburtsstadt Mochudi in Botswana als einzige Prominente aus. Wann werden Sie zur Ehrenbürgerin dort ernannt? Oder ist das schon passiert?

Nia Künzer: Ich hatte tatsächlich einen Pass von Botswana, der inzwischen abgelaufen ist. Aber den hüte ich wie einen Schatz. Er gehört ja zu meiner Geschichte. Im angrenzenden Namibia und Südafrika bin ich später schon gewesen. In meinem Geburtsort bisher nie mehr. Das hole ich aber bestimmt irgendwann mit meiner Familie nach. Ja und die Ehrenbürgerschaft fehlt mir noch….

flw24: Bleiben wir noch einen Augenblick beim Thema. Dass Sie in Afrika zur Welt gekommen sind, ist der Profession Ihrer Eltern  geschuldet, die in der Entwicklungshilfe gearbeitet haben. Im weitesten Sinne sind Sie heute ja etwas in die Fußstapfen Ihrer Eltern getreten, was natürlich zusammenhängt mit dem Bekanntheitsgrad, den der „Fußballgott“ Ihnen beschert hat?

Nia Künzer: Ja, meine Eltern haben damals in der Entwicklungshilfe gearbeitet. Vielleicht bin ich dadurch in dem, was ich bei gelegentlichen Projekten wie z.B. UNICEF-Botschafterin mache, etwas vorbelastet. Oder lassen Sie es mich so sagen: Meine Eltern haben mir das quasi vorgelebt. Aktuell begleite u.a. ich ein Projekt für Mädchen-Fußball in Namibia.

WM 2003 und das Golden Goal

flw24: Andere Fußstapfen waren es, die Sie – wenigstens bei den Fußballfreunden und Freundinnen – ja man kann sagen - berühmt gemacht haben. Und dazu mussten Sie eine weite Reise ins kalifornische Carson antreten.

Nia Künzer: Natürlich konzentriert sich in der öffentlichen Wahrnehmung alles um Carson. Aber ich habe ja auch schon vorher Fußball gespielt. Carson war natürlich der absolute Höhepunkt schlechthin. Die WM hatte eine große Aufmerksamkeit und das Finale lief zur Primetime auf dem TV.

flw24: Welche Erinnerungen haben Sie an die WM 2003?

Nia Künzer: Das Ganze war zunächst eine anstrengende Geschichte mit einer langen Vorbereitung. Aber es hat viel Spaß gemacht. Die Mannschaft hat sich immer weiter gesteigert. Und dann kam das I-Tüpfelchen mit dem Weltmeistertitel.

flw24: Als defensive Mittelfeldspielerin hatten Sie in der Vorrunde drei Einwechslungen, im Halbfinale nicht nominiert, im Finale kurz vor Toresschluss aufs Feld geholt, 10 Minuten brauchen Sie, um Deutschland zum Weltmeister zu machen. Sie müssen mit dem goldenen Helm geboren sein! Was war das für ein Gefühl? Im Interview nach dem Spiel machen Sie einen ziemlich „rationalen“ Eindruck.

Nia Künzer: Ja, was soll ich sagen? Am Ende war es eine große Erleichterung. Wir hatten vorher zwei große Chancen versiebt, dann kam das Golden Goal. Das zu realisieren dauert ein paar Sekunden. Nachdenken hat da keinen Platz. Die Emotionen gehen dann mit allen durch.

Zurück in die „Urzeit“ der Fußballerin Nia Künzer

flw24: Gehen wir einmal zurück in die „Urzeit“ der Fußballerin Nia Künzer. Wann hat die kleine Nia denn zum ersten Mal gegen den Ball getreten und wann hat wer entdeckt, dass da mehr Talent hinter steckt?

Nia Künzer: Mein Werdegang als Fußballerin ist am Anfang ganz normal verlaufen. Mit fünf Jahren war ich in meinem Verein Eintracht Wetzlar, unter lauter Jungen das einzige Mädchen. Dann die üblichen Dinge. Man wird, wenn die Trainerinnen auf einen aufmerksam werden in verschiedene Auswahlen berufen. Auf Bundesebene war das später die U16-Auswahl, die von unserer späteren Weltmeister-Trainerin Tina Theune trainiert wurde.

flw24: Die einzelnen Stationen kann man nachlesen: Wetzlar, Gießen, dann Praunheim, das bald 1. FFC Frankfurt heißen sollte. Wie kam es zur Berufung ins Nationalteam?

Nia Künzer: Das war mit der einen oder anderen Hürde verbunden. Mit 15 hatte ich meinen ersten Kreuzbandriss. Das wirft einen zunächst zurück. Mit 17 folgte der Wechsel zu Praunheim. Dann kam das erste Länderspiel gegen Dänemark. Das war ganz okay. Bezüglich der Nationalmannschaft gab es dann zunächst eine längere Pause.

flw24: Ab 1999 begannen Sie dann, mit Ihren Teamkameradinnen Titel und Pokale zu sammeln?

Nia Künzer: Richtig. Mit der SG Praunheim bzw. dem 1. FFC Frankfurt waren wir dann sehr erfolgreich. Die Pokale und Urkunden die sind entweder bei uns im Keller oder zum Teil auch als Leihgaben an Organisationen oder Sportmuseen gegangen.    

flw24: Was ist mit dem für Sie persönlich wichtigsten aller Trikots passiert?

Nia Künzer: Das ist als Leihgabe – wenn ich mich im Moment richtig erinnere – an die FIFA gegangen. Im Übrigen sind das Dauerleihgaben. Und das Ganze ist auch als Vereinbarung schriftlich fixiert.

flw24: Für den Erfolg mussten Sie auch Tribut zahlen und eine Reihe von Verletzungen einstecken, die – so hoffe ich – durch die Erfolge mehr als ausgeglichen wurden?

Nia Künzer: Das stimmt. Ich bin natürlich froh, dass der vierte Bänderriss erst nach der WM kam. Unter dem Strich war das eine wunderbare Zeit, von der ich nichts missen möchte.

flw24: Bereuen Sie irgendetwas in Ihrem sportlichen Leben? Oder gilt die Formel „Alles richtig gemacht“?

Nia Künzer: Es gibt da wenig zu bereuen. Die Verletzungen, die kamen, musste ich auskurieren. Der Spaß war immer beim Fußballspielen dabei. Das war wichtig. Aber man muss auch, wenn man den Sport so intensiv betreibt, immer einen Plan B haben und sollte nie alles auf eine Karte setzen.

Der Frauenfußball hat sich weiterentwickelt

flw24: Solange ich denken kann, heißt es immer wieder – vornehmlich beim Männerfußball -:  Der Fußball ist schneller geworden, athletischer usw. Wie sehen Sie das in Bezug auf Frauenfußball?

Nia Künzer: Das trifft definitiv auch für den Mädchen- und Frauenfußball zu. Die Trainingsmethoden haben sich weiter entwickelt. Die Belastbarkeit ist größer geworden. Die Athletik ist in jedem Fall verbessert worden. Wir haben technisch sehr gut ausgebildete Spielerinnen. Gerade die Nationalspielerinnen haben mittlerweile die Möglichkeit, unter professionellen Bedingungen zu trainieren. Allerdings hat die Konkurrenz in den letzten Jahren nicht geschlafen. Während Deutschland mit den WM-Erfolgen 2003 und 2007 vor einigen Jahren dominierte, sind im internationalen Frauenfußball die USA im Moment absolute Spitze. Frankreich verfügt über eine hervorragende Technik. Leider fehlt den Französinnen noch der ganz große Erfolg.

flw24: Frau Künzer, Sie sind Mutter von einem Mädchen und einem Jungen. Beide sind noch klein und sehr klein. Vorausgesetzt, die Kleinen haben das Talent der Mama geerbt: Lassen Sie sie in deren Fußstapfen treten?

Nia Künzer: Da kann ich Sie beruhigen. Aktuell sieht es nicht so aus, als hätte da einer Ambitionen. Meine Prognose: eher nein. Das wird sich im Übrigen irgendwann herausstellen. Wenn sie Spaß an irgendeiner Sportart haben, wird sich das von selbst ergeben.

ARD-Expertin im Frauenfußball

flw24: Wechseln wir noch einmal das Thema. Sie haben, wie oben bereits angedeutet, eine Reihe von ehrenamtlichen Funktionen: z.B. engagieren Sie sich Sie gegen Alkohol im Straßenverkehr, als UNICEF-Botschafterin sind Sie oder waren Sie unterwegs, vielleicht auch anderes. Sie sind bei der ARD als Expertin im Frauenfußball engagiert. Das sind temporäre Aufgaben. Sie haben bekanntlich Pädagogik studiert. Was ist neben der wichtigen Aufgabe als Mutter, für deren Ausübung ja keine Mama bezahlt wird, Ihr Brotberuf?

Nia Künzer: Richtig. Diese Campagne BOB, die sich gegen Alkohol im Straßenverkehr richtet, habe ich unterstützt. Bei der ARD habe ich eine Nebentätigkeit, die dann anfällt, wenn Länderspiele der Frauen sind. Das nächste Großereignis wird die EM 2017 in den Niederlanden sein. Meinen „Brotberuf“ übe ich im hessischen Innenministerium aus, das ja auch für den Sport zuständig ist. Da arbeite ich konkret im Bereich der FAN-Projekte. Dazu zählen u.a. Eintracht Frankfurt, Kickers Offenbach, Darmstadt 98 und der FSV Frankfurt. Für Hessen Kassel ist das in der Planung.

flw24: Dann geht’s zur Arbeit also nach Wiesbaden?

Nia Künzer: Momentan bin ich an zwei Tagen in der Woche vor Ort im Büro und an einem weiteren Tag arbeite ich von zu Hause. Das Ganze hat den schönen Namen Telearbeit.

flw24: Frau Künzer, darf ich abschließend ein kleines Spielchen mit Ihnen machen und Sie bitten, die folgenden Sätze zu vervollständigen? Und wenn ein paar Gedanken mehr dazu kommen, ist das auch recht.

Mit Oliver Bierhoff verbindet mich…

Nia Künzer: … das Golden Goal. Ich habe ihn auch irgendwann getroffen. Er ist ein höflicher, feiner Mensch. Und dann wird natürlich auch über die besonderen Tore geplaudert.

flw24: Dass einige Trainer – namentlich im professionellen Fußball -immer wieder am Spielfeldrand ausflippen, ………

Nia Künzer: … halte ich für ein schlechtes Vorbild für den Jugend- und Amateurbereich schlechthin. Es ist da einiges aus dem Ruder gelaufen.

flw24: Max Kruse hat in jüngster Zeit…

Nia Künzer: …. ganz schön einstecken müssen.

flw24: Dass Fußballprofis Vorbilder für die Jugend sind, ……

Nia Künzer: …trifft  manchmal sogar zu. Fußballer sind ein Querschnitt der Bevölkerung. Wenn 12jährige Kinder mich fragen, was für ein Auto ich fahre, stimmt mich das schon nachdenklich, worauf da manchmal der Fokus liegt.

flw24: Dass RB Leipzig neben der sportlichen Ausbildung auch Wert darauf legt, dass die jungen Fußballer nicht auf alle Extravaganzen wie übertriebene Tatoos oder Frisuren usw. abfahren, …

Nia Künzer:… halte ich vom Grundsatz her für eine gute Idee. Das hat ja auch etwas mit Clubidentifikation und dem Versuch, Werte zu vermitteln, zu tun. Es geht nicht nur um Äußerlichkeiten. Ein Verein kann also durchaus auf die jungen Leute einwirken. Aber sie sollten in ihrer Entscheidung letztlich frei sein.

flw24: Ich wünsche Bastian Schweinsteiger…  

Nia Künzer:…. gesundheitlich und privat alles Gute. Es war m.E. auch die richtige Entscheidung nach Manchester zu gehen. Als Führungsfigur sollte er, wenn er fit ist, unbedingt mit nach Frankreich fahren.

flw24: Ja, Frau Künzer, jetzt haben wir den Marathon geschafft. Herzlichen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben. Ich wünsche Ihnen und Ihrer Familie alles Gute.

Das Interview führte flw24-Redakteur Claus Coester.