Der dramatische 3:2-Erfolg Argentiniens gegen Ägypten im WM-Achtelfinale wird von einer höchst umstrittenen Schiedsrichterentscheidung überschattet. Vor dem entscheidenden Treffer forderten die Nordafrikaner vergeblich einen Strafstoß nach einem Trikotziehen im Strafraum. Trainer Hossam Hassan und der ägyptische Verband reagierten mit heftigen Vorwürfen und legten offiziell Protest bei der FIFA ein.
Das spektakuläre WM-Achtelfinale zwischen Argentinien und Ägypten wird nicht nur wegen der beeindruckenden Aufholjagd des Titelverteidigers in Erinnerung bleiben. Noch lange nach dem Schlusspfiff dominierte vor allem eine strittige Szene die Diskussionen. Aus ägyptischer Sicht hätte es unmittelbar vor dem entscheidenden 3:2 für Argentinien einen Strafstoß geben müssen. Statt eines Elfmeters lief jedoch der Gegenangriff, an dessen Ende Enzo Fernández den Siegtreffer erzielte.
Auslöser der Debatte war ein Zweikampf im argentinischen Strafraum in der Nachspielzeit. Alexis Mac Allister zog Hamdi Fathi beim Versuch, an den Ball zu kommen, deutlich am Trikot. Schiedsrichter François Letexier ließ die Szene jedoch weiterlaufen, auch der Videoschiedsrichter griff nicht ein. Nur wenige Sekunden später jubelte Argentinien über den Einzug ins Viertelfinale.
Besonders groß war der Ärger darüber, dass die Szene offenbar nicht zu einer Überprüfung am Monitor führte. Warum der VAR nicht eingriff, blieb auch nach dem Spiel offen. Vermutet wird, dass das Vergehen nicht als klarer und offensichtlicher Fehler eingestuft wurde. Diese Einschätzung sorgte allerdings für reichlich Unverständnis.
Unterstützung erhielt die ägyptische Sichtweise ausgerechnet von einem ehemaligen Bundesliga-Schiedsrichter. Patrick Ittrich erklärte als Experte bei MagentaTV, für ihn hätte es in dieser Situation einen Strafstoß geben müssen. Das Trikotziehen habe eindeutig den Zweck gehabt, den Gegenspieler am Ballgewinn zu hindern. Zudem betonte Ittrich, dass nahezu alle strittigen Entscheidungen der Partie gegen Ägypten ausgefallen seien und die heftigen Emotionen deshalb nachvollziehbar seien.
Nationaltrainer Hossam Hassan reagierte nach dem Schlusspfiff mit einer emotionalen Wutrede. Er sprach von einem manipulierten Spiel und erhob schwere Vorwürfe gegen Schiedsrichter und FIFA. Nach seiner Auffassung sei das Ergebnis nicht allein auf dem Platz entschieden worden. Hassan behauptete sogar, es gehe nur darum, Superstar Lionel Messi möglichst lange im Turnier zu halten.
Der 59-Jährige kritisierte außerdem, seine Mannschaft habe weder Respekt noch Fairplay erfahren. Besonders die nicht geahndete Szene vor dem entscheidenden Gegentor brachte ihn auf die Palme. Seiner Meinung nach sei das Trikotziehen für alle klar zu erkennen gewesen. Zudem warf er der argentinischen Mannschaft vor, Druck auf das Schiedsrichterteam ausgeübt zu haben.
Auch der ägyptische Fußballverband beließ es nicht bei verbalen Protesten. Verbandspräsident Hany Abo Rida bestätigte eine offizielle Beschwerde bei der FIFA gegen Schiedsrichter Letexier und dessen Team. Gleichzeitig forderte der Verband eine Untersuchung der umstrittenen Entscheidungen sowie den Ausschluss des französischen Schiedsrichtergespanns vom weiteren Turnierverlauf.
Die Verantwortlichen sehen die Schiedsrichterleistung als einen wesentlichen Grund für das WM-Aus der Pharaonen. Neben der Elfmeterszene kritisieren sie weitere Entscheidungen, die aus ihrer Sicht stets zugunsten Argentiniens ausfielen. Eine Reaktion der FIFA auf die Beschwerde stand zunächst noch aus.
Unabhängig von den schweren Manipulationsvorwürfen bleibt vor allem die Elfmeter-Szene Gegenstand intensiver Diskussionen. Während Ägypten von einer klaren Fehlentscheidung spricht, sehen Schiedsrichterexperten die Abläufe innerhalb des VAR-Prozesses zwar als regelkonform, bewerten die Entscheidung selbst jedoch unterschiedlich. Fest steht, dass der nicht gegebene Strafstoß den Verlauf der Partie unmittelbar beeinflusste und das dramatische WM-Aus der Nordafrikaner bis heute überschattet. Die Diskussion über die Bewertung dieser Szene dürfte deshalb noch weit über das Turnier hinaus anhalten.
